So bizarr wie ein Tausendfüßler in der Zuckerdose

★★★★★

1Q84, Buch 1&2 von Haruki Murakami – Erstellungsdatum 15.02.2018

Die Welt ist im Ungleichgewicht und wir müssen das Gleichgewicht wieder herstellen. Yin und Yang. Gut und Böse. Schwarz und Weiß. Glück und Unglück. Hart und Weich. Kalt und Warm.

Und wenn es hundert Sterne gäbe, dieser Roman bekäme sie von mir. Ich glaube, ich hab noch nie in meinem Leben einen 1020 Seiten starken Roman in so kurzer Zeit verschlungen. Ein ganz dickes, dickes Kompliment (noch ein zu schwaches Wort) gebührt auch der Übersetzerin Ursula Gräfe, die fantastische Arbeit geleistet hat. Ich würd echt gern wissen, wie lange das gedauert hat, dieses Mammutwerk zu übersetzen und dabei eine so feine Sprache zu finden. Eine Sprache, die alles Überflüssige weglässt und doch so einfach ist und so leicht zu verstehen, dass es einen „sprachlos“ macht und einem erst irgendwann – viel später – aufgeht, was für eine große Kunst das hier ist.

Zum Inhalt: In Buch 1 & 2 wechseln sich alle Kapitel immer gleichmäßig ab, zwischen Tengo, so heißt der männliche 30-jährige Protagonist, und Aomame, dem weiblichen Gegenstück, auch 30-jährig. Aber die beiden haben sich seit ihrer Schulzeit nicht mehr gesehen und da waren sie zehn Jahre alt. Dennoch waren dieser Eindruck von damals und ihre Verbundenheit zueinander so stark, dass sie zwanzig Jahre überdauerten. So denken beide sehr, sehr oft aneinander, kommen aber in diesem Band nicht zusammen. Höchstens indirekt über das Buch im Buch, nämlich über die Geschichte von der „Puppe aus Luft“. Diese Puppe aus Luft existiert in einer Parallelwelt vom Jahr 1984 und diese Welt heißt „1Q84“. Die Unterschiede zwischen beiden Welten scheinen gar nicht so gravierend zu sein. In 1Q84 gibt es zwei Monde und die Little People, die Fäden aus der Luft verarbeiten und Puppen weben, die irgendwann aufbrechen und Inhalte offenbaren, die man manchmal sehen möchte und manchmal auch lieber nicht. Nur: einmal in 1Q84 angekommen, gibt es kein Zurück.

Aber lesen Sie selbst, es lohnt sich. Ich würde fast sagen, wenn Sie in Ihrem Leben nur noch zehn Bücher lesen wollen, dann sollte dieses unbedingt, unbedingt dabei sein!

In Buch 3 (571 Seiten) kommt dann noch jeweils zu Tengos und Aomames Kapiteln ein drittes dazu, das vom Herrn Ushikawa. Aber da sind wir noch nicht.

Allerdings spielt Herr Ushikawa schon auch in Buch 1&2 eine Rolle, sehr schön beschrieben auf Seite 583. Da behauptet Herr Ushikawa bereits als Zuhörer in Tengos Mathematikvorlesung gewesen zu sein, als Gasthörer, und Tengo glaubt ihm das nicht. Denn eine bizarre Gestalt wie Ushikawa hätte er gewiss unter den Studenten nicht übersehen. Er wäre ihm aufgefallen, wie ein Tausendfüßler in einer Zuckerdose. Ja, auch dieser Vergleich saß auf den Punkt.

Mein Eindruck: Dieser Inhalt ist so vielschichtig und so beeindruckend, dass es schwierig scheint, die richtigen Worte zu finden. Die Protagonisten und ihre Erlebnisse, ihre Vergangenheiten und Beweggründe werden so kreativ, nachvollziehbar und dennoch ungewöhnlich beschrieben, dass ich selbst als Vielleserin noch nie Vergleichbares lesen durfte.

Fazit: Achtung, Suchtfaktor. Wenn Sie sich Buch 1Q84, Buch 1&2 besorgen, dann sollte Buch 3 am besten gleich dazu bereitliegen, denn Sie werden keine Lesepause haben wollen! Ja, wir sollten mehr von den Asiaten lesen. Denn dieses Buch ist unheimlich und unheimlich gut. Fünf Sterne – denn mehr gibt es ja leider nicht.

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